Freitag, 9. Mai 2014

Halle nur Kulisse für einen schlechten Krimi?

Das Urteil des "Fernsehgerichts" der Zeitschrift "Stern" ist hart und gerecht:
Dieser Film ist vorsätzliche Körperverletzung. Ein wirklich schwerer Fall. Mildernde Umstände liegen nicht vor.
Tja, und im Film selbst fällt das Urteil der später umgebrachten Hannah:
Zorn, Du bist ein Versager im Bett
Ich könnte anfügen: Zorn, Du bist ein Versager im Krimi. An den Schauspielern lag es jedenfalls nicht. Diese haben beeindruckend gespielt und rausgeholt, was rauszuholen war. Das war leider nicht viel. Mitleid hatten die fiesen Fernsehrichter vom Stern geradezu mit Katrin Bauerfeind (Hannah). Diese durfte hauptsächlich offenherzig den Zorn anschmachten. Der Rest des Personals kann in wenigen Worten zusammengefaßt werden: Zorn,"als Bulle das Allerletzte" (Die Welt), sein Büttel Schröder, ein dicker Scherenschnitt-Assistent, ein fieser Staatsanwalt und zwei Bundeswehrkameraden von ihm, die auch nicht mehr alle Pfannen auf dem Dach haben, denn das wissen wir ja: "Soldaten töten". Oh, ich habe es so satt: Wenn ein paranoischer Mörder im Fernsehkrimi auftritt, war er vorher beim Bund. Wir haben anscheinend irgendwie das Vietnam-Trauma von unseren Verbündeten genetisch vererbt bekommen, oder was?

Und das Mordmotiv?

Auch wenn das Ganze in den Blutlachen, am Wehr deponierten Frauenkörpern, aufgehängten Staatsanwälten etc. unterging: Krimis leben natürlich von einem Mordmotiv: Habsucht, Eifersucht, Rache, Vertuschung etc. Es gab zwar eine Auflösung und ein "Grande Finale", aber so richtig wurde nicht klar, warum eigentlich das Blutbad nötig war. Oder muss das einfach so sein, wenn alte Bundis aus der Spur geraten? (siehe oben). Ich hatte den Eindruck, für eine ordentliche Auflösung der Zusammenhänge war einfach keine Zeit mehr.

Wie kam Halle dabei weg?

Natürlich besteht Halle nur aus Verfall und Plattenbauten, aus denen Schränke herausgeworfen werden. Ausgeblutete Frauenleichen an der Saale sind mir sowas von vertraut, dass ich noch nicht einmal aufsehe, wenn ich beim Paddeln vorbeikomme. Scherz beiseite: Von der Hochstraße zu filmen und die Franck. Stiftungen nicht als Kulisse zu nehmen, stattdessen lieber die Neubaublocks zeigt die Absicht des Filmteams. Es sollte hier ein ganz bestimmtes Bild vermittelt werden: Das ist nicht das von Halle als grünste Stadt Deutschlands mit zwei Burgen und einer beeindruckenden Altbausubstanz, sondern das Bild von der grauen Diva mit ihrem Plattenbaupanzer und den Ruinenzähnen, dort wo es immer grau ist und immer regnet, auch wenn die Feuerwehr dafür sorgen muss. Der Proll-Ermittler, zudem faul wie den Hartz4-Empfängern (also der Bevölkerung von Halle) nachgesagt wird, paßt da gut ins Bild. Na gut, Zorn ist nicht der Barnaby aus Halle, aber manchmal wünscht man sich schon so was, aber Barnaby darf höchstens in Freiburg ermitteln, niemals in Halle. Gottbewahr!

Ich frage mich die ganze Zeit: Ist die literarische Vorlage so schlecht wie die Verfilmung? Als Werbung für einen "Zorn-Krimi" in Buchform ist der MDR-Krimi jedenfalls nicht geeignet. Oder ist das Ganze Satire gewesen?

Kurz: Schauspieler sehr gut, Figuren mangelhaft, filmische Umsetzung ausreichend, Mordmotiv: schlecht umgesetzt, Kulisse (Halle): schlecht getroffen, Umsetzung der literarischen Vorlage: kann nicht beurteilt werden. Also sehr schade. Der MDR brachte die alten Halle-Klischees in die ARD. Wie meine Tochter kurz murrte: Wenn von Leipzig ein Krimi kommt, wird in schicken Gründerzeitvillen gedreht, Halle funktioniert nur mit Hochstraße und Plattenbauten. So ist das!

Euer Rio

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